Suhrkamp-Autor Stefan Münker schreibt bei Spiegel Online: “Das Internet ist das digitale Herz der globalisierten Welt. Aus diesem Netz kommen wir nicht mehr heraus. Selbst wenn wir offline sind, sind wir drinnen – und werden es auch bleiben.”
Der medienhistorische Grund ist ebenso einfach wie tiefgehend: Erst jetzt, und auch nur mit den Web-2.0-Anwendungen, wird die massenhaft verbreitete Nutzung gemeinschaftlich geteilter interaktiver Medien zum ersten Mal Wirklichkeit; die kollaborativen Projekte seiner Sozialen Medien realisieren eine Praxis der partizipatorischen Mediennutzung, die zumeist überraschend effizient und dabei fast immer demokratischer ist, als wir es von früheren Medien gewohnt sind. Das Web 2.0 erscheint dabei zumindest tendenziell als die real gewordene Utopie jener demokratischen Umnutzung der Massenmedien, deren Ideal zuerst wohl Bertolt Brecht in seinem Rundfunkaufsatz aus dem Jahr 1932 entworfen hat. Als Netz gemeinschaftlich produzierender Sender wird das Web 2.0 zu einem medialen Baustein einer neuen Form gesellschaftlicher Öffentlichkeit.
Nun gibt es, und jeder, der das Internet nutzt, weiß das auch, nicht nur erfreuliche Aspekte in der digitalen Sphäre. In den Tiefen des Webs verstecken sich schreckliche Dokumente des Abgründigsten menschlicher Unkultur, und auf seiner Oberfläche glänzt der Tand sinnloser Eitelkeiten. Der eine Kritiker möchte das Netz deswegen stärker regulieren; und dem anderen Kritiker ist die Pluralität seiner Angebote vor allem ein Indiz für eine vermeintliche Fragmentierung unserer sozialen Gemeinschaft. Dem ersten muss man zugestehen: Ja, es stimmt – wir müssen natürlich auch im Internet Straftatbestände ahnden; und wir sind derzeit noch nicht gut genug darin, das geltende Recht im globalen Netz zu exekutieren. Ein anderes Recht aber brauchen wir deswegen noch lange nicht.
Dem zweiten Kritiker aber muss man einerseits entgegnen, dass die Öffentlichkeiten im Internet ja keineswegs schlicht Zeugnisse von sozialer Isolierung oder Zersplitterung sind – sondern dass gerade in den Sozialen Netzen vielmehr Orte von Vergemeinschaftung und intensive soziale Kontakte entstehen; und das, wie aktuelle Studien zeigen, sogar intensiver und enger als dort, wo das Netz nicht genutzt wird.
Andererseits kann man alle, die das Netz für die Fragmentierung der Gesellschaft haftbar machen möchten, nur auffordern, vor der nächsten Zugfahrt einen Bahnhofskiosk zu betreten. Die Vielzahl der Magazine und Zeitschriften konfrontiert jeden Käufer mit einer solch enormen Textmenge, dass für deren Lektüre ein Menschenleben nicht ausreichte – und deren Disparatheit und Heterogenität im Analogieschluss das Bild einer ebenso zersplitterten und uneinigen Gesellschaft widerspiegelt. Wenn man das denn so verstehen will.
Kompletten Beitrag vom November 2009 bei Spiegel Online lesen.
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